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Obstbaumaktion 2016: Adel verpflichtet

Prinz Albrecht von Preußen, Gräfin von Paris, Schöner aus Wiedenbrück: Diese wohlklingenden Namen, so sehr sie auch Klatsch und Tratsch aus der Hochglanzpresse versprechen, stehen ausschließlich für den guten Geschmack. Sie gehören zu den sieben alten Obstsorten, die am Samstag, dem 5. November, in Form von 50 jungen Bäumen ihre neue Residenz in hiesigen Gärten bezogen haben.

Apfelbäume der Sorte Finkenwerder Herbstprinz
Diese jungen Prinzen warten noch auf ihre neuen Besitzer.

Das nasskalte Novemberwetter wurde den vornehmen Gästen und ihren neuen Besitzern leider nicht gerecht. Dabei hatte unsere Aktion einiges zu bieten: Die wenigen Unerschrockenen konnten sich mit nachhaltigen Produkten aus dem Weltladenfahrrad versorgen und mit fair gehandelten Naschereien stärken. An dem praktischen Gefährt boten Dorothee Kohlen, Karl-Heinz Simon und Pfarrer Marco Beuermann von der Steuerungsgruppe „Fairtrade-Stadt“ unter anderem Kekse, Schokolade, ausgesuchte Grundnahrungsmittel und natürlich Kaffee an. Gleich nebenan demonstrierte Heinrich Fischbeck vorausblickend auf seinen Einsatz beim folgenden Repair Café die alte Kunst des Besenbindens. Geschickt wurden Birkenzweige mit Hilfe von Weidenruten in Form gebracht und ergaben ebenso dekorative wie funktionale Laubbesen. Ewald Birkholz und Elmar Gottszky von der Gemeinschaft für Umwelt- und Naturschutz hatten zahlreiche Insektenhotels und Vogelhäuschen im Gepäck und konnten zusätzlich mit vielen interessanten Informationen und Tipps zum Artenschutz im eigenen Garten aufwarten. Wer schnell bei der Sache war, konnte sogar eine Nisthilfe ergattern, die aus einem Balken aus dem Rhedaer Schloss gefertigt wurde.

Aus Birkenzweigen werden Besen gebunden

Womit wir wieder bei unserer Hauptattraktion wären: Im September konnten die Bäume im Bürgerbüro Rheda vorbestellt werden und waren in der Rekordzeit von zehn Tagen ausverkauft. Als beliebteste Apfelsorte stellte sich der Dülmener Rosenapfel (aus dem Jahr 1870) heraus, gefolgt vom Finkenwerder Herbstprinz (1860er Jahre) und Prinz Albrecht von Preußen (1865). Aber auch die Birne Gräfin von Paris (1882) und die Hauszwetsche (Ende 16. Jahrhundert) sowie die beiden weiteren Apfelsorten fanden ihre Liebhaber.

Der Gütersloher Pomologe Rainer Bethlehem machte beim Erstbeschnitt – ganz nach dem Prinzip „heiße Schere, kaltes Herz“ – kurzen Prozess mit störenden Zweigen und erklärte geduldig sein Vorgehen. Die kargen Ästchen der pflanzfertigen Bäume mögen anschließend so manchen Neuling irritiert haben. Ein solch radikaler Rückschnitt fördert jedoch das Wachstum einer kräftigen Krone in den folgenden Jahren und sorgt dafür, dass der Obstbaum bald reichlich Früchte trägt.

Wir freuen uns, dass die Obstbaumaktion ein weiteres Mal so großen Anklang gefunden hat und hoffen, in den nächsten Jahren noch öfter auf diese Weise zur Artenvielfalt beitragen zu können. Allen frischgebackenen Obstbaumbesitzern wünschen wir gutes Gedeihen und eine reiche Ernte!

 

Artenvielfalt: Ein zukunftsträchtiges Thema

Nahaufnahme eines alten Apfelbaums

Passend zu unserer Obstbaumaktion erschien vor wenigen Tagen in der Süddeutschen Zeitung ein interessanter Artikel zum Thema Artenvielfalt in der Ernährung. Darin heißt es alarmierend:

„50 000 Pflanzenarten gelten weltweit als essbar, doch nur 30 davon sichern die Welternährung, darunter Mais, Weizen, Reis und Kartoffeln.“

Dabei können gerade selten gewordene alte Nutzpflanzen unseren Speiseplan um Geschmack und wertvolle Nährstoffe bereichern, die modernen Züchtungen zum Teil schon verlorengegangen sind. So ist es beispielsweise möglich, dass Apfelallergiker einige alte Sorten beschwerdefrei genießen können.

Wussten Sie schon, dass es in Deutschland früher etwa 3.000 Apfelsorten gab?

Mitte des 20. Jahrhunderts reduzierte sich durch den marktorientierten Anbau von Obst diese Vielfalt auf wenige Sorten mit makellosem Äußerem, aber oft mit wenig Geschmack.
Früher gab es Sorten für fette, feuchte, arme, trockene Böden, für windoffene Lagen, für Lagen, in denen Spätfrost herrschte, eben für regional typische Standortbedingungen.
Dann gab es Sorten, die im August reiften, im September oder Oktober, Sorten, die man direkt genießen, und andere, die man bis ins nächste Jahr hinein lagern konnte.

Überlebten alte regionale Sorten zuletzt fast nur noch auf Streuobstwiesen, findet heute zum Glück eine Rückbesinnung zu dieser schmackhaften, vielseitigen und individuellen Alternative zur importierten Massenware aus dem Supermarkt statt. Mit unserer Obstbaumaktion unterstützen wir diesen Trend und möchten dadurch zu mehr Vielfalt in unseren Gärten und unserer Ernährung beitragen.

Zum Artikel auf www.sueddeutsche.de

Alle Obstbäume sind vergeben

Aus, aus, das Spiel ist aus: Alle 50 Obstbäume aus unserer Aktion haben einen neuen Besitzer gefunden. Die Käufer werden in den nächsten Tagen über das weitere Vorgehen informiert. Wir freuen uns auf Sie bei der Abholung am 5. November, von 11 bis 13 Uhr, vor dem Reethus!

Wer bei dieser Aktion leer ausgegangen ist, ist natürlich trotzdem herzlich eingeladen, sich bei einer Tasse frischem Emskaffe aus fairem Handel über unsere weiteren Aktivitäten zu informieren, einen Nistkasten oder ein Insektenhotel von der GNU zu erstehen oder mit Gleichgesinnten zu fachsimpeln.